Wortbildung. Bei den indianischen Völkern, die einst dem Inkareich angehörten, ist Pachakuti ein geläufiger Begriff. Das Wort in Aimara-Sprache hat zwei Komponenten: PACHA - Zeit, Epoche. KUTI (Wurzel des Verbs Kutiña) - zurückkehren. Pachakuti bedeutet demnach "Die Rückkehr der Zeit"
Die schamanische Weltsicht. Die Andenkultur geht aus einer schamanischen Weltsicht hervor. Anders gesagt, in der Welt der Indianer ist alles vom schöpferischen Geist beseelt; ein Stein, die Erde, der Blitz, der See, eine Blume… alles lebt auf seine eigene Weise, alles hat seine Existenzberechtigung. Der Mensch nimmt nur einen Platz in dieser Schöpfung ein und interagiert mit den übrigen Elementen, ob er will oder nicht.
Bereits die ersten Nomaden, die Amerika vor 40.000 Jahren über die Behringstraße erreichten, brachten diese mystische Einstellung in die neue Welt. Nachdem der Kontinent von den Wassermassen erneut isoliert wurde, entfaltete sich diese Sicht der Welt in ganz Amerika. Diese schamanische Weltsicht entwickelte sich zur treibenden Kraft im zivilisatorischen Prozess aller indianischen Völker; die Kultur der Inkas in Peru krönte diese Entwicklung und erschuf eine großartige Kultur, deren Hinterlassenschaft heute von Fachleuten und Laien bewundert wird.
Aber der Mensch nimmt meistens nur das wahr, was ihm vertraut ist, es muss durch die Augen gehen. Im Fall der alten indianischen Kulturen sind dies archäologische Zeugen alter Völker, Pyramiden, Städte, Tempel, Gräber. Die kulturelle Entwicklung eines Volkes verläuft jedoch nicht linear; bezogen auf die Anden, beschränkt sie sich nicht auf Architektur und Baukunst, sonder entfaltet sich in vielen Richtungen. Es kann doch nicht nur einen architektonischen Höhenflug gegeben haben oder eine glänzende Blüte in der Goldschmiedekunst; man muss auch andere kulturelle Zeugen in Betracht ziehen, die man mit den Augen nicht wahrnimmt, wie soziopolitische Entwicklung, Naturmedizin, Himmelskunde, Schamanismus und, was uns hier interessiert, die schamanisch geprägte Philosophie, welche die eigentliche treibende Kraft der Andenzivilisation war.
Philosophie kann man zwar nicht "sehen", aber genau so wie die Steine von „Machu Picchu“, hat auch das philosophische Konstrukt der Anden die Jahrhunderte währende Unterdrückung überstanden.
Indianischer Glaube. Philosophie ist in der Weltsicht der Anden gleich mit Glaube zu setzen; und hier besteht der wesentliche Unterschied zwischen westlicher und indianischer Welt. Während der Mensch im Westen über alle Tiere, Pflanzen und übrigen Naturerscheinungen gesetzt wurde, lebt der Mensch in den Anden auf gleicher Ebene mit diesen Tieren, Pflanzen und den übrigen Naturerscheinungen. Also agiert die westliche Zivilisation auf die uns bekannte traurige Weise: her mit allen Naturressourcen, ausbeuten, was das Zeug hält! In den Anden ist es undenkbar sich die Erde untertan zu machen, wenn sie im Mittelpunkt des Glaubens als Mutter Erde „Pacha Mama“ steht. Wer kann schon das Wesen, an das man glaubt besitzen, kaufen, oder verkaufen?
Der philosophische Hintergrund. Durch die Beobachtungsgabe merkte der frühe Andenbewohner, dass alles im Universum einen bestimmten Existenzzyklus hat, so zum Beispiel der Tag und die Nacht, der Sommer und der Winter, das Leben und der Tod. Nichts besteht ewig, alles hat ein Ende, aber alles kehrt wieder zurück; ein Naturgesetz also. Wenn der Mensch auch nur Natur ist kann er sich diesem Gesetz nicht entziehen, er wird geboren, er lebt, stirbt und kehrt irgendwann wieder zurück. In einem größeren Maßstab gilt das auch für Zivilisationen. Keine auch nur so großartige Zivilisation besteht ewig, selbst die Inkas waren nur 150 Jahre an der Spitze eines kulturellen Prozesses, der in Peru allerdings etwa 15.000 Jahre vor ihnen begann.
Die Andenbewohner nennen dieses Konzept PACHAKUTI – Die Rückkehr der Zeit.
Die Zivilisation von Mutter Erde wurde einst dem Untergang geweiht, aber sie wird schon noch zurückkehren, wir haben ihre Weisheit während der Dauer einer langen finsteren Zeit gehütet… Die Rückkehr zu einer naturverbundenen Weltsicht wird bald eine Notwendigkeit werden und das wird die Rückkehr aller Naturvölker sein.
Appell. Mit unserem Projekt möchten wir an das Gewissen der Menschen appellieren, damit sie ein Leben im Einklang mit der Natur führen. Das ist vielleicht das wichtigste Vermächtnis der indianischen Völker im XXI Jahrhundert.
Der Mensch ist ein Geschöpf der Natur und sein Schicksal hängt mit dem von Mutter Erde untrennbar zusammen!!!
Carlos Escobar Pukara, im Jahr 1992